Neophyten

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Aus dem Himalaya, in Mitteleuropa heimisch geworden: Drüsiges Springkraut

In den letzten Jahren wird immer mehr über neu eingeführte Pflanzen, so genannte „Neophyten“ gesprochen, die teilweise in Bauerngärten als Zierpflanzen gezogen wurden und sich von dort auswilderten. Und es heißt, diese Pflanzen seien eine Bedrohung für die heimische Natur, „aggressive Neophyten“, mit Übernahme eines erschreckend miltärischen Wortschatzes: „invasive Pflanzen“. Manche Naturschutzorganisationen wenden einige Personalressourcen zu deren Bekämpfung auf.

Zunächst einmal ist zu sagen, dass nur ein Bruchteil der eingeführten Pflanzen sich in nennenswertem Umfang ausgewildert hat. Die meisten Nutz- und Zierpflanzen (in Europa etwa amerikanische Pflanzen wie Kartoffeln, Mais und Bohnen, in Amerika eurasische und afrikanische Pflanzen wie Weizen und Kaffee) sind in aller Regel nicht verwildert zu finden. Überhaupt stammen die meisten Kulturpflanzen Mitteleuropas aus anderen Erdgegenden, eine Ausnahme ist der heimische Feldsalat. Dasselbe gilt für Zierpflanzen.

Die von den Neophyten ausgehende Gefahr wird unter den Botanikern kontrovers diskutiert. Klar ist allerdings, dass Panik nicht nötig ist, dass aber dennoch zugegeben werden muss, dass diese Pflanzen zu einer deutlichen Veränderung der Flora führen können. Wie diese Veränderung zu bewerten ist, darüber kann und muss es verschiedene Meinungen geben. Zunächst einmal sind diese Pflanzen natürlich eine Bereicherung der Flora.

Die aus Nordamerika stammende Zarte Binse (Juncus tenuis) ist unauffällig und wird in der Regel nur von Botanikern überhaupt wahrgenommen. Das Kleinblütige Springkraut (Impatiens parviflora) aus Japan ist seit dem 19. Jahrhundert in Mitteleuropa verwildert, hat aber keine so große Ausbreitung, dass es andere Pflanzen in großem Umfang verdrängen könnte.

Das Indische oder Drüsenspringkraut (Impatiens glandulifera) ist durch seine imposante Größe und seine purpurnen Blüten seit wenigen Jahrzehnten eine auffällige Erscheinung an Bachläufen. Da es einjährig ist und recht früh im Sommer abstirbt, verdrängt es an den meisten Stellen kaum andere Pflanzen. Ein blindwütiges Ausreißen der Pflanzen führt am ehesten dazu, dass kleinere Pflanzen mit ausgerissen werden, womit also genau das Gegenteil vom erwünschten Effekt eintritt. Unter Imkern erfreut sich diese Pflanze einer großen Beliebtheit wegen ihrer Nektartracht. Die bisweilen gemachte Bemerkung, Neophyten hätten keine Funktion innerhalb des Ökosystems ist somit nicht richtig, zumindest nicht pauschal. Ökosysteme sind in aller Regel viel flexibler, als viele Ökologen noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten.

In Magerrasen wird die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis und Solidago gigantea) bisweilen als problematisch angesehen, da sie seltene Pflanzen, z. B. einige Orchideen verdrängt. Allerdings existieren diese Magerrasen ohnehin meistenorts nur mit Bewirtschaftung oder Pflege. Auch die heimischen Schlehen können Magerrasen verdrängen, wenn sie auf sie übergreifen, während ein Mosaik aus Schlehengebüsch und Magerrasen ökologisch sehr wertvoll ist und vielen Vögeln und Schmetterlingen Lebensraum bietet. Es existiert aber nur mit Pflege. Das Ausreißen und Abtransportieren von Goldruten vorm Aussamen hat zur Landschaftspflege auf Magerrasen den nützlichen Effekt, dass es die Ausmagerung fördert und damit einen selten gewordenen Ökosystemtyp fördert. Eine ernsthaftere Bedrohung für Magerrasen ist der Stickstoffeintrag aus der Luft, der von Auto- und Industrieabgasen stammt.

Vielfach breiten sich Neophyten entlang von Straßen aus. Es wäre allerdings naiv, zu glauben, man könne durch Straßenbau in Ökosysteme eingreifen, ohne dass sich das Vegetationsspektrum verändert. Die Pflanzen aus den Flächen wachsen meist nicht am Straßenrand. Damit bleiben dort Lücken, die von anderen Pflanzen eingenommen werden. Das ist, ökologisch gesehen, ein völlig normaler und natürlicher Prozess. Dass die Pflanzen von den Straßenrändern vereinzelt auch in die Flächen eindringen, stellt in wenigen Fällen eine ernsthafte Bedrohung für die dortigen Pflanzen dar. Und seien wir ehrlich: Wenn der Straßenbau keine größeren ökologischen Probleme mit sich bringt als die Ausbreitung von ein paar neu angekommenen Pflanzen, können wir uns glücklich schätzen. Den Menschen gefällt es heute, die Natur zu kontrollieren, so möchten sie gerne entscheiden, welche Pflanzen in einem Gebiet eine Existenzberechtigung haben. Das entspricht dem Ego der Menschen. Die Natur aber geht andere Wege.

Was bei der Diskussion innerhalb Europas gerne vergessen wird, ist, dass auch europäische Pflanzen in anderen Erdteilen als Neophyten auftreten. So ist heute in Nordamerika der europäische Blutweiderich (Lythrum salicaria) weit verbreitet. Er wird bisweilen heftig bekämpft, ohne dass dafür vernünftige Gründe zu nennen wären. In vielen Fällen ist die Neophytendiskussion in Europa genauso irrational. Wir können Europa genauso wenig von fremden Einflüssen freihalten, wie andere Erdteile von europäischem Einfluss freizuhalten sind.

Der heutige Artenreichtum landwirtschaftlich genutzter Flächen ist ohnehin zu einem beachtlichen Teil eingeführten Pflanzen zu verdanken. Zu einem großen Teil handelt es sich nicht um Neophyten, d. h., Pflanzen, die nach 1500 gekommen sind, sondern um Archäophyten, früher angekommene Pflanzen. Diese werden heute als Selbstverständlichkeit akzeptiert. Warum sollten wir die heute ankommenden Pflanzen nicht mit demselben Recht akzeptieren?

Es gibt mittlerweile auch die Sichtweise, die Neuankömmlinge solle man willkommen heißen. Insbesondere als Folge des Klimawandels werden viele Arten früher oder später nicht mehr dort leben können, wo sie bisher leben, so muss es zwangsläufig Verschiebungen der Habitate geben. Die Natur ist nun mal nicht statisch. Veränderungen der Ökosysteme gibt es seit Jahrmilliarden, praktisch seitdem es Leben und damit Ökosysteme gibt.