Die Alp als Ökosystem

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(Dieser Beitrag erschien in der Schweizer Fachzeitschrift zalp im Sommer 2019, die Schweizer Rechtschreibung habe ich hier beibehalten; nur diese Fotos und die Links sind im Originalbeitrag nicht zu finden, die botanischen und zoologischen Namen habe ich entfernt, sofern sie auf den verlinkten Seiten auftauchen. Das Thema kommt auch in meinem Buch „Naturschutz auf dem Teller“ zur Sprache.)

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Biodiversität auf einer Alpweide auf etwa 2400 m Höhe

Wer im Frühsommer auf eine Alp geht, ist oft begeistert von der Vielfalt der Blumen­wiesen. Auch wer die Gräser nicht benennen kann, auch wer nicht weiss, dass die Witwenblume und die Skabiose zwei unterschiedliche Arten sind, auch wer den winzigen Blüten des Purgier­-Leins keine Beachtung schenkt, merkt doch, dass die Alp­weiden einen beeindruckenden Artenreichtum aufweisen.

Ein Ökosystem ist ein System innerhalb eines räumlich begrenzten Gebietes, bestehend aus den Lebewesen, ihrer unbelebten Umwelt und allen Wechselbeziehungen. Die Gesamtheit der Lebewesen eines Ökosystems nennt man Biozönose. Jede Art hat ihre ökologische Nische, das heisst, ihre Rolle innerhalb des Ökosystems

Die Alp als Ökosystem ist ihrerseits in kleinere Ökosysteme gegliedert; eine Einzelweide, ein Waldstück, ein Teich. Noch vor wenigen Jahrzehnten sah man Ökosysteme als relativ starre Beziehungsgeflechte an, heute sieht man die Beziehungen als viel flexibler an. Die Biozönose der Alp besteht aus den Nutztieren, den Menschen und den wilden Pflanzen, Tieren, Pilzen und Bakterien. Falls es einen Alpgarten gibt, kommen noch Kulturpflanzen hinzu. Unter ökologischen Laien ist es Mode, den Homo sapiens als Störenfried im Ökosystem darzustellen. Das hat in vielen Fällen einen wahren Kern, aber in der Ökologie können wir die Tierart Mensch als Teil einer Biozönose betrachten. In vielen Fällen hat die Menschheit wertvolle Ökosysteme geschaffen. Oft hört man, die Natur könne auch ohne Menschen leben. Das ist zwar richtig, aber für unseren Alltag ohne Relevanz. Richten wir doch lieber unser Augenmerk auf die Schönheit dessen, was die Menschen geschaffen haben.

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Ziegen auf einer Alpweide

Die Stufen, in denen Alpwirtschaft betrieben wird, umfassen die hochmontane Stufe (ca. 900 m bis zur Waldgrenze bei etwa 1700m, nach Süden hin höher liegend), die subalpine Stufe (von der Waldgrenze bis etwa 2200 m) und die alpine Stufe (2200 m bis zur Schneegrenze). Mit zunehmender Höhe wird die Vegetationszeit kürzer, was bedeutet, dass die Pflanzen relativ schnell Samen entwickeln müssen; im Frühsommer findet man viele Blüten, im Spätsommer oder im Herbst sind mehr Früchte mit Samen zu finden. Aufgrund der bedeutend höheren Dichte beeinflusst das Weidevieh das Ökosystem stärker, als es wilde Pflanzenfresser wie Gämse, Murmeltier, Rothirsch und Steinbock tun. Grünland erlaubt viel mehr Biodiversität als Äcker. Die Zahl der Springschwänze, Milben, Fadenwürmer und Regenwürmer ist um ein Mehrfaches höher. Da Mähwiesen meist vor der Blüte gemäht werden, finden Nektarsauger und Pollenfresser auf Weiden mehr Nahrungsangebot. Zu den Pollenfressern gehören verschiedene Käfer. Bienen sammeln Pollen zur Proteinversorgung ihrer Brut, erwachsene Bienen fressen ihn nicht. Während man vielerorts kontrovers diskutieren mag, ob Viehhaltung oder Ackerbau die sinnvollere Inwertsetzung ist, stellt sich die Frage an Alpenhängen in 2000 m Höhe nicht. Auch wenn es die Zunft der Intensivtierhalter und Veganer nicht hören mag: Ökologen und Naturschützer wissen schon lange, dass Extensivweiden eine grosse Biodiversität aufweisen. Zudem fixiert der Boden unter Weideland besonders viel Kohlenstoff, damit reduziert diese Wirtschaftsweise das CO2 in der Atmosphäre, auch wenn Veganer gerne mit kindlichen Zahlenspielen das Gegenteil beweisen.

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Simmentaler Fleckvieh-Kuh auf einer Alpweide

Im Sommer 2018 habe ich im Laufe des Monats Juli Vegetationsaufnahmen auf einer Alp in der Zentralschweiz gemacht und habe gut 250 Pflanzenarten (einschliesslich der im Wald wachsenden) gefunden, genauer: Farne und Blütenpflanzen (Kormophyten), darunter auch seltene wie das Berg-Hasenohr (Bupleurum ranunculoides). Es ist eine Alp mit Kühen, Rindern und Kälbern, mehrheitlich auf Kalk. In etlichen anderen Sommern auf diversen Ziegen– und Kuhalpen habe ich noch andere Pflanzen gefunden. Ein Geobotanik-Fachkollege, der mich auf einer Glarner Alp besuchte, fand dort den Bergamasker Klappertopf, der in der Schweiz extrem selten und weitgehend auf Glarus Süd beschränkt ist.

Einen grossen Teil der Alpfläche machen Magerweiden aus, also nährstoffarme Weiden. Magerweiden sind als artenreiche Ökosysteme bekannt. Neben den Pflanzen tummeln sich hier viele Insekten, der Nektar lockt Bestäuber an, für Generalisten wie Erdhummel und Alpenhummel (Bombus alpinus) ist die Vielfalt ein Eldorado. Andere Wildbienen sind als Bestäuber stärker spezialisiert und kommen entsprechend in kleinerer Menge vor. Heuschrecken und Schmetterlingsraupen finden Futter an vielen Pflanzen, manche von ihnen sind spezialisiert auf eine oder wenige Pflanzenarten.

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Mückenhändelwurz auf einer Alpweide

Die tatsächliche Artenzusammensetzung einer Magerweide hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das anstehende Gestein und damit der Boden spielen eine Rolle. So findet man auf vielen Alpweiden Alpenrosen, auf Kalk ist es die Behaarte Alpenrose (Rhododendron hirsutum), auf silikatischem Urgestein die Rostrote Alpenrose (Rhododendron ferrugineum). Dies ist ein Paradebeispiel für ökologische Vikarianz. So nennt man die Erscheinung, dass nah verwandte Sippen unter verschiedenen ökologischen Gegebenheiten einander vertreten.

Die Heidelbeere meidet Kalk. Warum fand ich sie dennoch an einigen Orten auf der Innerschweizer Alp? Sie wächst in Kalkgebieten nur an Sonderstandorten ohne Kontakt zum Mineralboden, zum Beispiel auf verrottenden Baumstümpfen oder in Moospolstern. Dank ihres Wurzelpilzes kann sie von organischer Substanz leben.

Weiterhin ist das Lokalklima relevant. Auf 2400 m Höhe findet man andere Arten als auf 1600 m. An Südhängen stehen nicht immer dieselben Pflanzen wie an Nordhängen. Die Feuchtigkeit ist ein entscheidender Faktor, so findet man an sumpfigen Standorten viele Sauergräser, die vom Vieh gemieden werden, etwa das Schmalblättrige Wollgras (Eriophorum angustifolium) und die Schnabelsegge (Carex rostrata). Auch die Besatzdichte, die Bestossungsdauer und die Nutztierart spielen eine Rolle.

Auf Magerweiden viel zu finden ist die Pflanzenfamilie der Orchideen. Zu den sieben von mir auf der genannten Alp gefundenen Arten gehören das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata), die Mückenhändelwurz (Gymnadenia conopsea) und das Zweiblatt (Listera cordata). Alle Orchideen benötigen zum Keimen einen Wurzelpilz (Mykorrhiza), die meisten brauchen ihn das ganze Leben hindurch. Die wichtigste Pflanzenfamilie für die Ernährung der Weidetiere ist diejenige, die seit 30 Millionen Jahren eine Koevolution mit den Wiederkäuern hat: die Familie der Gräser. Durch ihr kontinuierliches Wachstum können sie Verbiss relativ unbeschadet überstehen. Die Wiederkäuer haben sich mit ihren vier Mägen und den symbiotischen Pansenbakterien an die schwere Verdaubarkeit der Zellulose angepasst. Achtzehn Grasarten habe ich auf der Alp in der Zentralschweiz gefunden.

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Alpine Magerweide mit Arnika

An mageren Feuchtstandorten findet man Fettkräuter (Pinguicula vulgaris und P. alpina), die den Nährstoffmangel durch das Fangen und Verdauen von Insekten ausgleichen.

Konkurrenzvorteil auf Magerweiden haben Pflanzen mit symbiotischen Bakterien, die den Luftstickstoff pflanzenverfügbar machen. Das sind in erster Linie Schmetterlingsblütler wie Wundklee (Anthyllis vulneraria), Alpentragant (Astragalus alpinus) und Berg-Klee (Trifolium montanum), die Knöllchenbakterien der Gattung Rhizobium haben. Bei der Grün-Erle (Alnus viridis) und der Silberwurz (Dryas octopetala) erfüllen diese Aufgabe Actinomyceten der Gattung Frankia.

Ein extremer Magerkeitszeiger auf Silikat ist die als Heilpflanze weit über ihr Verbreitungsgebiet hinaus bekannte Arnika. Diese und das Borstgras (Nardus stricta) sind Charakterarten der als Nardetalia klassifizierten Pflanzengesellschaften, typischer Gesellschaften der Magerweiden der Silikatgebirge.

Auf grösseren Steinen oder an Felsen finden sich oft Flechten, und zwar andere Arten als auf Bäumen. Unter den Pflanzen gibt es hier einige Spezialisten wie die Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia), den Rispen-Steinbrech (Saxifraga paniculata) und die Spinnwebige Hauswurz (Sempervivum arachnoides).

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Erdhummel auf einer Skabiose

Bei einem guten Management des Mistes wird dieser ausgebracht, dadurch gibt es auf der Alp auch Flächen mit höherem Nährstoffgehalt: Fettweiden. Als Leitart der Gebirgsfettwiesen gilt der Goldhafer (Trisetum flavescens). Zu den weiteren Gräsern gehören das Knaulgras (Dactylis glomerata), das Alpenlieschgras (Phleum alpinum) und die Wiesenrispe (Festuca pratensis). Daneben gibt es etliche Pflanzen anderer Familien wie den Löwenzahn. Hier finden die Tiere mehr Nahrung als an Magerstandorten.

An sehr stickstoffreichen Standorten, vor allem um die Ställe, kann die Grosse Brennnessel Reinbestände bilden. Sie ist eine wichtige Raupenfutterpflanze. Die Raupe des Nesselfalters (Kleiner Fuchs) ernährt sich ausschliesslich von dieser Pflanze. Die Raupe tritt auf der Alp stellenweise gehäuft auf.

Im Mist, etwa in Kuhfladen, haben koprophage (kotfressende) Insekten wie Fliegenlarven und gewisse Käfer ihren Lebensraum.

Mit den Insekten kommen auch insektenfressende Vögel. Andere Vögel, aber auch Säugetiere, ernähren sich von den Vogelbeeren der Eberesche und tragen zu ihrer Ausbreitung bei. Auch der Zwerg-Wacholder (Juniperus sibirica) wird von Vögeln ausgebreitet. Andere Pflanzen wie das Alpen-Leinblatt (Thesium alpinum) werden von Ameisen verbreitet.

Auf Lägern findet man oft viel Alpen-Ampfer (Blagge, Rumex alpinus), daneben die unscheinbare Läger-Rispe (Poa supina). Wenn der Mist ungenutzt bleibt (was eigentlich nicht sein sollte), und neben dem Stall den Niederschlägen überlassen bleibt, kann sich im Schwemmfächer der Jauche ein reicher Bestand an Alpen-Kreuzkraut herausbilden.

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Grünland, das seine Existenz der Beweidung verdankt

Im gesamten Weideland haben Pflanzen, die von den Weidetieren gemieden werden, einen gewissen Selektionsvorteil. Hierzu gehört vielerorts der Germer, ein giftiges Weideunkraut, das die Tiere meist nur in kleiner Menge fressen und das man vielerorts mit der Sense eindämmt. Auch stachlige und dornige Pflanzen werden von Kühen und Schafen gemieden, von Ziegen nicht unbedingt. Dazu gehören die Silberdistel (Carlina acaulis), die Ackerkratzdistel (Cirsium arvense), die Alpenkratzdistel (Cirsium spinosissimum). An etwas feuchten Standorten kann die Kohlkratzdistel (Cirsium oleraceum) gedeihen, die von Pferden gefressen wird. Ziegen laufen manchmal von einer Alpenkratzdistel zur anderen und fressen die obersten Köpfchen.

Auch Gehölze wie die genannten Alpenrosen, der Wacholder und die Grün-Erle können sich auf Kuhweiden ausbreiten. Ziegen können sie etwas zurückdrängen. Unter den Farnen kommen Gebirgs-Frauenfarn (Athyrium distentifolium) und Adlerfarn stellenweise bestandsbildend vor.

So hat die Alp Wert nicht nur als Kulturgut, zum Lawinenschutz und zur Produktion hochwertiger Nahrungsmittel, sie ist zudem ein wichtiger Lebensraum, nicht nur für die ÄlplerInnen, nicht nur für die verschiedenen Nutztiere, auch für viele Pflanzen, Insekten und andere Kleintiere, Vögel, Pilze und Bakterien.

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Rostrote Alpenrose

Literatur:

Dietl, Walter: Der Nährstoffkreislauf der Alpweiden. In: zalp 28/2017: 8–9

Janzing, Gereon: Ziegenhaltung und Milchverarbeitung. In: Kritische Ökologie 80 (Sommer 2013): 15–20

Janzing, Gereon: Veganismus – Interessen und Folgen. In: Umwelt aktuell 6/2016: 6–7

Müller, Hans Joachim: Ökologie. Jena 1984

Oberdorfer, Erich: Pflanzensoziologische Exkursionsflora. Stuttgart 1990

Externe Links:

Zalp 2019 mit diesem Artikel

Video über das Leben auf der Alp

Video über den ökologischen Wert der Weidewirtschaft

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